e-Mail 

                                      

Nun zieht es uns definitiv wieder ans Meer. Mehr oder weniger beliebig wählen wir die Ortschaft Happisburgh in der Grafschaft Norfolk.

Der Zufall will es, dass wir in der online-Ausgabe des Tagesanzeigers auf einen Artikel über die stetige Erosion der hiesigen Küste stossen.

Dies hat auch zur Folge, dass der Campingplatz «Manor Caravan Park» nicht mehr am alten Standort ist. Nach etwas Suchen und mit Hilfe von verschiedensten Wegbeschreibungen der Einheimischen finden wir den Platz. Nach einiger Zeit taucht dann auch die Verwalterin auf und wir können uns auf der riesigen Wiese ausbreiten.

Wer uns kennt, weiss, dass es uns immer schnell ans Wasser zieht. Auf dem Weg an die Nordsee kommen wir am malerischen, rot-weiss gestreiften Leuchtturm vorbei. Er gilt als ältestes, noch betriebenes Leuchtfeuer.

Dann besuchen wir die beeindruckenden Küstenfelsen, die durch die stetigen Wellen immer mehr erodieren. Seit einigen Jahren schützen grosse Abwehrbauten die Steilwände und auch jetzt sind Arbeiter daran, Sicherungen zu installieren.

Allen Widrigkeiten zu trotzen scheint die St. Mary’s-Kirche. Der Turm aus dem 15. Jahrhundert diente früher den Seefahrern als Orientierungshilfe und auch eine Bombardierung 1940 hat das Gotteshaus überlebt. Im Innern steht ein achteckiges Taufbecken ebenfalls aus dem 15. Jahrhundert.

Der gemütliche Dorfrundgang findet bei sonnigem, wenn auch etwas windigem Wetter statt und führt uns auch beim gutbesuchten Pub und einem mondänen Landhaus vorbei.

 

Derzeit sind wir in einer der sonnigsten Gegenden von England; und entsprechend schön ist es auch am zweiten Tag in Happisburgh. Wir radeln über wenig befahrene Strassen und Wege nach Sea Palling und geniessen hier unseren zweiten Kaffee. Der kleine Ort wurde am 31. Januar 1953 von einer Flutkatastrophe heimgesucht; heute schützen Dünen und Dämme die Ortschaft. Ein herrlicher Strand lockt im Sommer viele Gäste an. Bei den heutigen Wassertemperaturen von 10 Grad wagt sich allerdings keine/r in die Nordsee.

Nach dem Besuch der Kirche «Saint Margaret of Antioch» fahren weiter zu den «Waxham Barns». Auf dem Landwirtschaftsgut besuchen wir die grosse, alte Scheune und die nahegelegene Kirche «Saint John».

Die Route geht weiter durch eine liebliche Landschaft. Fasane und Hasen kreuzen unseren Weg. Die Automobilisten verhalten sehr mehrheitlich sehr rücksichtsvoll und auch wir warten bei Ausweichstellen und lassen so die Fahrzeuge in den engen Strassen überholen.

Beim Ort Ingham statten wir der imposanten Kirche «Holy Trinity» einen Besuch ab. Rund um die Gotteshäuser befinden sich hier meistens Friedhöfe mit teilweise uralten Gräber.

Dann setzen wir uns in den Garten des Pub «The Star Inn» in Lessingham und löschen den Durst mit einem feinen, kühlen Bier.

Zurück auf dem Camping geniessen wir das frühsommerliche Wetter mit einem späten Mittag- bzw. einem frühen Abendessen vom Grill.

 

Die Strassen in England verlangen wirklich vollste Konzentration. Es ist nicht nur der Linksverkehr, sondern auch die engen Fahrbahnen die ungewohnt sind. Bei den sogenannten «Single Tracks» ist klar, dass nur ein Fahrzeug durchpasst. Doch bei Strassen ohne Mittellinie wird das Kreuzen jedes Mal zur Herausforderung.

So macht es Sinn, auch bei kürzeren Strecken eine Pause einzulegen. Auf der Strecke nach Hunstanton halten wir an der Küste bei Morston. Auf dem ersten Camping im Seebad Hunstanton gibt’s anscheinend keinen Platz mehr. Doch auf dem riesigen «Searles Leisure Resort» bekommen wir eine sonnige Parzelle.

Wir geniessen das schöne Wetter und lesen mal wieder ausgiebig in unseren Büchern. Am späteren Abend wandern wir zum Strand und wohnen dem nicht ganz makellosen, aber dennoch schönen Sonnenuntergang bei.

 

Der frühe Sonnenaufgang um etwa fünf Uhr holt uns nicht mehr aus dem Bett; heute Morgen sind es vielmehr irgendwelche Vögel, die auf dem Dach von unserem Womo umhertappen.

Mit den Velos erkunden wir die vielseitige Region. Einen ersten Stopp machen wir bei Leuchtturm von Hunstanton.

Dann geht’s hinunter ans Meer, wo wir die mehrfarbigen Klippen bestaunen. Die Gesteinsschichten sind aus rotem und weissem Kalkstein und rotbraunem Sandstein. Leider brechen auch hier immer wieder grosse Brocken ab.

Das «The Old Boathouse Cafe» liegt am Strand von Old Hunstanton und ist Treffpunkt der «Hündeler». Wir können auch ohne vierbeinigen Begleiter einen Kaffee trinken.

Dann radeln wir kreuz und quer übers Land. Der Verkehr ist zu Glück nicht stark. In Ringstead kommen wir am «The General Store» vorbei und können gleich noch Brot einkaufen. Ansonsten herrscht hier die Landwirtschaft vor. Auf riesigen Feldern schlagen Hasen ihre Haken. Wenn sie sitzen, schauen nur ihre langen Ohren aus der Wiese. Dazwischen strecken Fasane ihre Hälse aus dem Grün. Einfach herrlich.

Zurück auf dem Camping bläst ein starker Wind. Das hält uns aber nicht davon ab, das Womo mal wieder innen und aussen zu reinigen. Nun ist unser Zuhause wieder tipptopp.

 

Egal ob wir am Morgen noch verschlafen aus dem Womo kommen, von einer Radtour zurückkehren oder uns auf die Stühle setzen, jedes Mal werden wir von Enten begrüsst. Mal watschelt ein Pärchen umher, eine Entenmutter kreuzt mit ihren acht Küken auf oder eine ganze Gruppe der friedlichen Viecher inspiziert unsere Fahrräder. Die tierischen Freunde scheinen uns wohlgesinnt.

Das Wetter ist besser als die Prognosen und zwischen kurzen Schauern zeigt sich immer wieder die Sonne. Wir nutzen die passende Infrastruktur und waschen unsere Kleider. Nun sind wir auch diesbezüglich wieder à jour.

Am Samstag sind wir früh wach und nach dem Frühstück bald startklar. Im nahen Einkaufscenter stocken wir noch unsere Lebensmittel auf und noch vor neun Uhr sind wir wieder bereit für die nächste Etappe.

Die A149 ist zum Glück gut ausgebaut und wir kommen zügig voran. In der Nähe von Stamford besuchen wir die Parkanlage von «Burghley House». Auf dem riesigen Gelände stehen uralte Bäume auf weitläufigen Wiesen und das 1555 bis 1587 erstellte Schloss. Das imposante Gebäude hat eine verspielte Fassade und diente auch als Kulisse für mehrere Filme.

Dann suchen wir uns eine Bleibe für die nächsten zwei Nächte. Auf dem ersten Camping werden wir freundlich empfangen und dank der Camping Europe Key-Mitgliedschaft dürfen wir auch übernachten. Die Angestellte nimmt alle Daten auf und erklärt dann kurz vor der Bezahlung, dass es auf dem Platz kein Servicegebäude, sprich keine Duschen und Toiletten gibt. Das ist heute nicht in unserem Sinn und wir lehnen ab. Die Dame hat volles Verständnis und gibt uns sogar noch Tipps für weitere Campgrounds in der Nähe.

So landen wir schliesslich auf der fast schon exklusiven «New Lodge Farm» bei Corby. Der Preis strapaziert zwar etwas unser Budget, doch die Anlage ist sehr gepflegt und die Besitzer Simon und Sarah äusserst zuvorkommend. Zudem funktioniert das WiFi recht gut.

 

Die ersten Sonnenstrahlen scheinen ins Womo und entgegen früheren Prognosen kündet sich ein heiterer Sonntag an. Einer geplanten Velotour im County «Rutland» steht also nichts im Weg.

Bereits bei Harringworth wartet ein erstes Highlight auf uns: das 1'159 Meter lange Harringworth Viaduct (auch Welland oder Seaton Viaduct). Das Eisenbahnviadukt hat 82 Bögen und für den Bau (1875 bis 1879) wurden 30'000'000 Backsteine benötigt. Für den Bahnverkehr ist das Bauwerk seit 2009 nicht mehr in Betrieb.

Beim «Rutland Water», dem flächenmässig grössten Stausee von England, begegnen uns immer mehr Radfahrer. Egal ob ambitionierte «Gümmler» oder gemütlicher Ausflügler, alle grüssen freundlich.

Durch ein ausgedehntes Vogelschutzgebiet bei Egleton kommen wir nach Oakham. Hier trinken wir zuerst mal einen Kaffee. Um 12.00 Uhr öffnen sich dann die Tore des «Oakham Castle» und wir dürfen ohne Entgelt eintreten. Das Gebäude ist nicht eine typische Burg, sondern mehr ein ehrwürdiges Herrenhaus. Die Wände des Rittersaals werden von rund 230 Hufeisen geschmückt.

Die Kirche «Oakham All Saints Graveyard» steht unweit des Kastells und ist unser nächster Stopp. Beim Eintreten zögern wir etwas, den der sonntägliche Gottesdienst scheint gerade vorbei zu sein und es sind noch einige Leute in der Kirche. Doch zwei sympathische Damen kommen auf uns zu und laden uns ein, auch im Biker-Outfit das Gotteshaus zu besuchen. Wir unterhalten uns mit den beiden gesprächigen Engländerinnen bestens und erfahren einiges über die Kirche.

Die Rückfahrt führt uns wieder durch eine herrliche Landschaft mit vielen, teils steilen Aufstiegen und wieder rassigen Abfahrten. Fasane, Hasen und ein Reh kreuzen unsere Wege. Auf den Weiden grasen Kühe, Pferde und natürlich viele Schafe.

Auf dem Campingplatz haben sich zwischenzeitlich einige Fahrzeuge der Marke MG eingefunden. Ein Regionalclub hält hier ein Treffen ab und die Autos sind auf dem grossen Eventplatz aufgereiht.

Seit wir auf der Insel sind, haben wir kaum Camper mit ausländischen Kennzeichen getroffen. Das ist auch hier so. So sind es dann auch Engländer, die auf uns zukommen uns sich für unsere e-Bikes interessieren. Wir geben dem Ehepaar gerne die gewünschten Auskünfte.

Am Abend informieren wir uns dann noch über die Abstimmungsergebnisse in der Schweiz und drücken der Schweizer Eishockeymannschaft die Daumen für das Spiel gegen Russland.

 

Bevor wir uns aufmachen, kommen wir noch mit unserem Camper-Nachbarn ins Gespräch. Der achtzigjährige Engländer war 48 Jahre als LKW-Fahrer in ganz Europa unterwegs und hat bis zu 100'000 Meilen (ca. 160'000 km) pro Jahr zurückgelegt. Besonders begeistert erzählt er von München und dem dortigen Bier. Eine herrliche Begegnung mit dem recht rüstigen Rentner.

Der «Thornton’s Holt Camping Park» in Nottingham hat unsere Reservierungsanfrage per Mail leider nicht beantwortet. Also fahren wir den Park mal an, in der Hoffnung, dass es für uns einen freien Platz hat. Und so ist es. Die Angestellte hat zwar ein Durcheinander mit den freien Flächen, doch schliesslich bekommen wir einen schönen, sonnigen Standplatz.

Auf dem Gelände tummeln sich unzählige glückliche Hühner, ein paar Pferde und scheue Hasen; Landidylle pur also.

Elegant und dennoch gemütlich geht es auf dem nahen «The Nottinghamshire Golf & Country Club» zu und her. Wir spazieren über die weitläufige Grünanlage und setzen uns dann auf die Terrasse des öffentlichen Restaurants. Bei einem Bierchen schauen wir den Golfern der britischen Armee zu.

Dann lassen wir den Abend mit einem feinen Essen von Andy ausklingen.

 

Mit der Buslinie «the cotgrave» kommen wir schnell und bequem ins Zentrum von Nottingham. Der erste Besuch des Tages gilt der Kathedrale von Nottingham (Cathedral Church of St. Barnabas). Der Bau wurde zwischen 1841 und 1844 als neugotische, dreischiffige Basilika erstellt und ist daher im Vergleich zu andern Kirchen noch nicht so alt.

Dass das Nottingham Castle derzeit renoviert wird und deshalb nicht zugänglich ist, haben wir bereits im Vorfeld erfahren. Die Festung thront auf einem mächtigen Felsen an dessen Fuss das angeblich älteste Pub «Ye Olde Trip to Jerusalem» von England steht.

Obwohl die Legenden um Robin Hood weitgehend als freierfunden gelten, begegnet man ihm immer wieder in der Stadt. Eine Statue bei den Castle Caves ehrt den «Helden der Armen».

Dann spazieren wir kreuz und quer durch die Innenstadt mit vielen Geschäften und Lokalen in ansprechenden Fussgängerzonen. Immer wieder überraschen Kontraste von alten und modernen Bauten.

Doch auch die Kehrseiten einer (Gross-)Stadt (ca. 300'000 Einwohner) sind zu spüren: viel Verkehr, schlechte Luft, lärmige Baustellen, Obdachlose und auch wieder höhere Präsenz von Polizisten und Sicherheitspersonal.

Umso mehr schätzen wir den ruhigen Camping im Grünen. Der Pizzateig will heute in einer ersten Phase zwar nicht so richtig gelingen. Doch schlussendlich sitzen wir in der Sonne und schlemmen unsere Pizzakreationen.

Die kleinen Hasen und Eichhörnchen auf dem Platz werden immer kecker und kurven frech um unser Wohnmobile.

 

Die Sonne braucht heute etwas länger, um sich gegen die Wolken durchzusetzen. Doch es ist warm genug und wir starten in kurzen Hosen zu einer Radtour.

Nach der erfolgreichen Überquerung einer vierspurigen Schnellstrasse geht’s auf Feldwegen und wenig befahrenen Strassen weiter. Nahe von Holme Pierrepont steht die «St. Edmund’s Church» auf einer grossen Grünfläche mit einem wunderschönen Baumbestand.

Dann radeln wir durch ein vielfältiges Gebiet entlang des Flusses Trent. Hier befindet sich ein nationales Wassersportzentrum mit einem künstlich angelegten Bach für die Wildwasserkanuten sowie ein mehrere Kilometer langes Becken u.a. für den Rudersport.

Der effektive Fluss wird durch ein grosses Kraftwerk gestaut. Für den Schiffsverkehr (vorwiegend Sportboote) stehen Schleusen zur Verfügung.

Im Gebiet eines ehemaligen Hafens entstehen moderne Wohnhäuser direkt am Wasser. Andere wohnen direkt auf dem Fluss in ihren Hausbooten.

Auf dem Rückweg durchfahren wir ein Naturreservat mit geschützten Teich- und Schilfgebieten. Auf der ganzen Tour treffen wir immer wieder auf stolze Gänseeltern, die uns wohl ihren Nachwuchs zeigen, ihn aber nie aus den Augen lassen.

Zum Schluss müssen wir dann die Velos noch über ein Gatter hieven, da sich der Ausgang des Schutzgebietes als räderuntauglich erweist, so what!

Der Tag wird immer sonniger und so geniessen wir den Nachmittag/Abend im Freien mit Lesen, Schreiben, Yoga und Essen.

 

Unsere Route vom 13. - 22. Mai 2019

Newbourne - Nottingham: 445 km

Mit dem Bike unterwegs: 126 km

 

Drucken

e-Mail